{"id":614,"date":"2023-02-03T12:06:38","date_gmt":"2023-02-03T11:06:38","guid":{"rendered":"https:\/\/rouvenkoetter.de\/?p=614"},"modified":"2023-02-03T12:06:38","modified_gmt":"2023-02-03T11:06:38","slug":"wie-sieht-die-streuobst-wiese-der-zukunft-aus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/rouvenkoetter.de\/index.php\/2023\/02\/03\/wie-sieht-die-streuobst-wiese-der-zukunft-aus\/","title":{"rendered":"Wie sieht die Streuobst- wiese der Zukunft aus?"},"content":{"rendered":"\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Ein lesenswertes Interview mit dem \u201cStreuobst-Papst\u201c Josef Weimer <\/p>\n\n\n\n<p>Weimer erkl\u00e4rt, was sich praktisch tun l\u00e4sst, um B\u00e4umen im Trockenstress zu helfen, warum Vielfalt im Klimawandel eine besonders wichtige Rolle spielen wird und was ihn trotz aller gro\u00dfen Herausforderungen optimistisch stimmt.<br><br>Herr Weimer, wie nehmen Sie den Klimawandel im Alltag wahr?<br><br>Schauen Sie durchs Fenster: Es ist Mitte Januar, und drau\u00dfen treiben die Knospen viel zu fr\u00fch. Das hei\u00dft: Der Jahreslauf, wie wir ihn kennen, kommt durcheinander. Zu hei\u00df, zu trocken, zu wenig Winterk\u00e4lte, die Witterungsextreme nehmen zu. W\u00e4hrend meiner Kindheit waren 30 Grad im Sommer normal. Heutzutage messen wir 35 Grad oder sogar 38 Grad Celsius. Pflanzen, Tiere und B\u00f6den reagieren auf diese klimatischen Ver\u00e4nderungen.<\/p>\n\n\n\n<p><br>K\u00f6nnen Sie ein Beispiel nennen, wie sich das trockene und hei\u00dfe Klima auf Streuobstwiesen und im Wald auswirkt?<br><br>Die Standfestigkeit der B\u00e4ume verschlechtert sich dramatisch. R\u00fcttelt man heute an B\u00e4umen, die vor f\u00fcnf Jahren noch stabil waren, wackeln sie. Die Trockenheit beeintr\u00e4chtigt die Wurzelbildung im Boden und l\u00e4sst junge B\u00e4ume fr\u00fch vergreisen. Au\u00dferdem sehe ich, dass im Sommer Sonnenbrand auf Rinde und Fr\u00fcchten entsteht. Das gab es fr\u00fcher so nicht. Eine weitere Folge ist, dass klimagestresste B\u00e4ume f\u00fcr Sch\u00e4dlinge und Krankheiten anf\u00e4lliger werden, vor allem in von Monokulturen gepr\u00e4gten W\u00e4ldern.<br><br>Wie k\u00f6nnen wir den Streuobstb\u00e4umen im Klimastress helfen?<br><br>Einmal gibt es nat\u00fcrlich ganz konkrete Dinge: Beim jungen Baum die Baumscheibe hacken, um den Boden zu \u00f6ffnen, damit Wasserkonkurrenz der Gr\u00e4ser verschwindet. Im Vergleich zu fr\u00fcher lasse ich im Fr\u00fchjahr und Sommer mehr Laub in den B\u00e4umen, das beschattet und wirkt wie eine Sonnencreme auf der Baumrinde. Ich bedecke die Baumscheibe, also den Bereich um den Stammfu\u00df herum, mit dem ersten Grasschnitt des Jahres, damit die B\u00e4ume besser durch den Trockenstress kommen. Es ist empfehlenswert, sandige B\u00f6den mit Tonmehl zu verbessern und tonige B\u00f6den mit Sand. Und w\u00e4hrend der gro\u00dfen Sommerhitze fahre ich mit dem Wasserfass raus, um den jungen B\u00e4umen zu helfen. Hacken, Wassergabe, D\u00fcngung, all das ist wichtig. Aber etwas anderes ist noch viel wichtiger.<br><br>Das m\u00fcssen Sie erkl\u00e4ren.<br><br>F\u00fcr den Klimawandel suchen Menschen oft nach einfachen Antworten. Doch wir sollten den Klimawandel als komplexe und vielschichtige Situation begreifen. Das ist ein Prozess, der viel l\u00e4nger als ein Menschenleben dauern wird und der auf ganz lange Sicht die Rahmenbedingungen f\u00fcr Streuobstwiesen ver\u00e4ndern wird. Es existieren keine einfachen L\u00f6sungen und vorgefertigten Handlungsm\u00f6glichkeiten, die man einem Lehrbuch entnehmen kann.<br><br>Wo finden sich Antworten?<br><br>Daf\u00fcr ist ein Ausprobieren und Experimentieren im Kleinen n\u00f6tig, ganz praktisch und vor Ort auf der eigenen Wiese. Welche Baumarten kommen mit diesem speziellen Boden und den neuen klimatischen Bedingungen zurecht? Wir brauchen eine st\u00e4ndige Suchbewegung, um auf eigene Faust gute Handlungsoptionen f\u00fcr das Streuobst im Klimawandel zu erkunden. Ich w\u00fcnsche mir da einen Dialog auf Augenh\u00f6he von Obstbauern, Praktikern, Natursch\u00fctzern und Wissenschaftlern. Wir sollten angesichts der Herausforderungen in ein gutes Gespr\u00e4ch kommen.<br><br>Inwiefern ver\u00e4ndert der Klimawandel die Rahmenbedingungen f\u00fcr die Streuobstwiesen?<br><br>Ein Beispiel. Ich habe seit langer Zeit drei Streuobst-Standorte: Einen Nordhang, einen S\u00fcdhang und eine Tallage mit Bachlauf. Vor 40 Jahren war der Nordhang noch ein eher problematischer Standort ohne Sonne und mit kleinem Ertrag. Damals freute ich mich mehr \u00fcber den ertragreichen und schorffreien S\u00fcdhang. Doch mit den Klimaver\u00e4nderungen \u00e4nderte sich das: Etwas, das fr\u00fcher negativ war, wurde positiv. Heute ist der Nordhang meine Ertragslage. Der S\u00fcdhang ist in hei\u00dfen Sommern ohne Ende gestresst. Andererseits gedeiht es dort in regenreichen, nassen Sommern besonders gut. Und in der Tallage mit mehr Feuchtigkeit wachsen die Zwetschgen bestens am Bachlauf.<br><br>Welche Schlussfolgerungen ziehen Sie daraus?<\/p>\n\n\n\n<p><br>Die Zukunft der Streuobstwiesen liegt in der Diversit\u00e4t. Je gr\u00f6\u00dfer die Vielfalt, desto besser. Meine Erfahrung ist: Jeder Ort hat seine Qualit\u00e4ten, und es ist empfehlenswert, verschiedene Standorte zu haben. Das schafft in Zeiten der klimatischen Extreme einen Ausgleich, und man hat immer Obst. Aber nicht nur die Diversit\u00e4t in den Lagen wird wichtiger, sondern auch bei Arten und Sorten.<br><br>Was haben Sie in dieser Hinsicht beobachtet?<br><br>Quitten, Mostbirnen und Kirschen kommen besser mit der Trockenheit zurecht. Bei den Apfelsorten sehe ich, dass sich auf dem S\u00fcdhang zum Beispiel die regionale Sorte Roter B\u00fcrgst\u00e4dter in der Hitze sehr vital zeigt. W\u00e4hrend viele moderne Apfelsorten im neuen Klima oft kl\u00e4glich versagen, gibt es Gattungen und Sorten, die mit Trockenbedingungen gut klarkommen. Das n\u00e4her zu erkunden finde ich sehr wichtig, und das meinte ich mit Ausprobieren und Experimentieren. Ich denke, es wird darauf ankommen, Streuobstwiesen mit m\u00f6glichst unterschiedlichen Gattungen zu gestalten. Warum nicht neben Apfelb\u00e4umen auch Marillen und Nussb\u00e4ume pflanzen? Und Birnen- und Quittenwein schmecken auch gut. Je vielf\u00e4ltiger, desto ges\u00fcnder die Fl\u00e4che.<\/p>\n\n\n\n<p><br>Klimawandel ist ein sehr langdauernder Prozess. Wie macht man seine Streuobstwiese zukunftsf\u00e4hig?<br><br>Neben der Vielfalt von Gattungen, Sorten und Fl\u00e4che geht es darum, die richtigen Baumarten und Standorte zu kombinieren. Wir haben es mit sehr langlebigen Pflanzen tun, ein Apfelbaum kann 120 Jahre, ein Birnenbaum 300 Jahre alt werden. Die langfristige Perspektive sollte wichtiger sein als kurzfristige Renditeerwartungen. Und was die Baumpflege angeht: Das Wichtigste ist, Gleichgewicht in einen Baum zu bringen \u2013 das Gleichgewicht zwischen Trieb einerseits und Frucht andererseits. Dann kommt er viel besser durch Stressphasen, das ist genauso wie beim Menschen. Klar ist: Die B\u00e4ume brauchen angesichts des Klimawandels zunehmend die Zuwendung von uns Menschen.<br><br>Zum Schluss eine Frage zur gerade neu gestarteten Ausbildungsgruppe des Jahreskurses \u201eZertifizierter Landschaftsobstbauer\u201c. Wie war es denn?<br><br>Als Kursleiter hatte ich den Eindruck: Das Engagement ist gro\u00df, die kommen, weil sie echtes Interesse haben. Das hat mir gut gefallen, und hat mich auch ber\u00fchrt. Ich glaube, es ist wirklich gut, dass wir diese Jahresfortbildung machen. Ich freue mich sehr, dass der Regionalverband mit seinem Ersten Beigeordneten Rouven K\u00f6tter das Thema Streuobstwiesen mehr in den politischen Fokus genommen hat. Er hat den Kurs auch selbst besucht, ebenso wie einige B\u00fcrgermeister der Region. Das ist eine gute Entwicklung, denn wir brauchen viele Akteure und ein breites Verst\u00e4ndnis, um unsere Streuobstwiesen nachhaltig f\u00fcr die Zukunft zu sichern.<br><br>Josef Weimer (68) ist G\u00e4rtnermeister, Gartenbaulehrer und Streuobstexperte. F\u00fcr den Regionalverband FrankfurtRheinMain betreut er den Jahreskurs \u201eZertifizierter Landschaftsobstbauer\u201c, der sich an die Mitgliedskommunen richtet. Weimer stellt derzeit sein neues Buch zur \u201eGestaltung von Landschaftsobstb\u00e4umen\u201c fertig. Das Handbuch f\u00fcr die Ausbildungspraxis bildet die Quintessenz seiner 50-j\u00e4hrigen Besch\u00e4ftigung mit dem Streuobst ab.<br><br>Interview: Ren\u00e9 de Ridder (Regionalverband)<br><br>Quelle: Pressedienst des Regionalverbands FrankfurtRheinMain<\/p>\n\n\n\n<p>mailto:presse@region-frankfurt.de<br>Tel.&nbsp;069 25771907<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein lesenswertes Interview mit dem \u201cStreuobst-Papst\u201c Josef Weimer Weimer erkl\u00e4rt, was sich praktisch tun l\u00e4sst, um B\u00e4umen im Trockenstress zu helfen, warum Vielfalt im Klimawandel eine besonders wichtige Rolle spielen wird und was ihn trotz aller gro\u00dfen Herausforderungen optimistisch stimmt. Herr Weimer, wie nehmen Sie den Klimawandel im Alltag wahr? 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